Demokratie als Belästigung

Lieber Leser,

haben Sie schon einmal Unterschriften gesammelt? Ich schon ein paar Mal, zuletzt für die kantonale Bildungsinitiative, welche kostenlosenlosen Zugang zu staatlichen Schulen erreichen will.

Das Interessante beim Unterschriftensammeln ist, dass man von vielen Passanten als Belästigung wahrgenommen und wohl zusammen mit Promotern und Missionaren in einen Topf geworfen wird. Viele laufen mit gesenktem und abgewendetem Haupt eilig vorbei, die meisten murmeln so etwas wie „nein danke“, wenn sie angesprochen werden, viele würdigen einen gar keiner Antwort. Etwa jeder sechste lässt sich auf ein Gespräch ein, etwa jeder zehnte unterschreibt.

Im Unterschied zu Promotern verdiene ich aber kein Geld damit, dass ich Leute anspreche; ich tue es aus der Überzeugung, dass es eine sinnvolle Tätigkeit ist. Im Unterschied zu Missionaren will ich aber niemandem meine Ansicht aufdrängen. Klar bringe ich Argumente, wieso die Initiative eine gute Sache ist, aber nur, weil es erfahrungsgemäss die Arbeit erleichtert. Letztlich steht es jedem frei, bei einer späteren Abstimmung „Nein“ zu stimmen.

Die Schweiz ist das demokratischste Land der Welt, aber offenbar ist vielen Leute nicht klar, was das bedeutet, was direkte Demokratie eigentlich ist. Direkte Demokratie ist nämlich genau das, über eine Sache selbst entscheiden zu können, anstatt es Parlamentariern zu überlassen. Es geht also beim Sammeln der Unterschriften nicht bloss darum, ob man für oder gegen etwas ist, sondern darum, ob man die Entscheidung direktdemokratisch oder indirekt-demokratisch gefällt haben möchte. Somit unterschreibe ich persönlich auch Initiativen, bei denen ich zwar dagegen bin, die ich aber für derart wichtig erachte, dass ich gerne eine öffentliche Diskussion und einen Volksentscheid möchte.

Dies war beispielsweise bei der Bildungsinitiative der Fall. Ich persönlich war auch ambivalent in dieser Frage. „Was nichts kostet, hat keinen Wert“, war ein häufig genanntes Gegenargument. Wären die Leute, die das sagen, so konsequent, dass sie auch für Trinkwasser aus dem Hahn und für saubere Luft zahlen würden? Wenn ja, wie viel dürfte es kosten? Soll es sich jeder leisten können oder nur die Mittel- und Oberschicht? Und zurück bei der Bildung: Soll es eine Ungleichbehandlung zwischen Universitäten, Fachhochschulen und höheren Fachschulen (beruflicher Weiterbildung) geben oder nicht? Wenn ja, mit welcher Begründung? Wieso ist die berufliche Weiterbildung (höhere Fachschulen) heute so teuer bzw. muss vollumfänglich vom Lernenden selbst bezahlt werden, während Fachhochschulen fast gratis sind? Ich finde das wichtige Fragen, die ich gerne öffentlich diskutiert haben wollte, deswegen habe ich die Initiative unterstützt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Unterschriftensammlung

Post By Ernst Lagler (12 Posts)

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