2014-077 Babyentsorgungsklappen sind fundamentalistischer Unsinn

Im Detail habe ich bereits im Artikel Keine Babyfenster in Winterthur!, der ein reges Medienecho auslöste, Stellung zum Thema bezogen. Hier nun ist meine Rede im Gemeinderat anlässlich der Überweisung:

In der ganzen Schweiz werden auf verschiedenen Ebenen Vorstösse lanciert, welche die Einführung von «Babyfenstern» zur «Entsorgung» ungewollter Kinder fordern: Frauen sollen Kinder anonym abgeben können. Diese Babyentsorgungsklappen sind vollkommen unnötig, sie retten keinem einzigen Baby das Leben, im Gegenteil, sie sind ein Verstoss gegen die Grundrechte der Kinder. In Deutschland ist mindestens ein Fall bekannt, wo ein Baby durch eine Babyentsorgungsklappe umgekommen ist. Es gibt die Möglichkeit der «vertraulichen Geburt», bei der eine Frau ein Kind im sicheren Umfeld eines Spitals gebären und es sofort zur Adoption freigeben kann. Ihre Familie wird nicht informiert, aber Mutter und Kind bekommen die Möglichkeit, später einander kennen zu lernen. So werden sowohl die Nöte der Mutter, als auch die Rechte des Kindes angemessen berücksichtigt. Eine weitere Möglichkeit braucht es nicht.

Hinter diesen Vorstössen stehen fundamentalistische Abtreibungsgegner, allen voran die unsägliche Organisation «Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind». Babyentsorgungsklappen sollen wohl als Feigenblatt dienen, um Abtreibungen moralisch ins Abseits zu stellen. Jedem, der einen diesen Vorstösse unterstützt sollte klar sein, von welchen Organisationen er ausgenutzt wird. Wer sich für Frauenrechte einsetzt, sollte Abstand von diesen Vorstössen nehmen. Wer diesen Vorstoss unterstützt, der leistet extremistischem Fundamentalismus Vorschub.

Die Politik soll sich an Fakten halten und an Fachleuten orientieren. Sämtliche Fachleute, die ich in meiner Recherche gefunden habe, sprechen sich gegen Babyentsorgungsklappen aus, in der Schweiz die Organisationen Sexuelle Gesundheit Schweiz und Défense des Enfants International (DEI). Auch die Schweizer Frauenrechtlerin Anne-Marie Rey, die durch ihr Engagement für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch seit den sechziger Jahren bekannt wurde, hat sich persönlich bei mir sehr gegen die Babyentsorgungsklappe engagiert und Informationen geliefert. In Deutschland haben sich sowohl die Polizei, als auch der Ethikrat deutlich gegen Babyfenster ausgesprochen, sogar die UNO Kinderrechtsorganisation zeigt sich besorgt über die Zunahme von Babyentsorgungsklappen. Sie empfehlen nicht nur keine neuen Babyentsorgungsklappen zu eröffnen, sondern die bestehenden zu schliessen.

Dem entgegen steht die vage und durch keinerlei Fakten gestützte Behauptung, «es könnte ja sein, dass wenigstens ein Baby gerettet würde.» Dass eine solche Haltung unsinnig ist, zeigt das folgende Beispiel: Wenn man aber um jeden Preis jedes Leben retten will, dann wäre es wohl sinnvoller, allen schwangeren Frauen das Autofahren zu verbieten, im Gegensatz zu Babyentsorgungsklappen würde man damit wohl tatsächlich das eine oder andere Leben retten. Da würde sich natürlich sofort Widerstand regen, eine Babyentsorgungsklappe hingegen ist der einfachere Weg, es tut niemandem wirklich weh. Aber seine Wirksamkeit ist durch nichts belegt, hingegen ist die Einschränkung der Kinderrechte und der Widerspruch von Polizei und Ethikern durchaus real. Demgegenüber steht lediglich ein unbestimmtes Bauchgefühl ohne Sinn und Verstand. Es ist aber nun mal auch ein typisches Merkmal von Fundamentalisten, dass sie nicht rational entscheiden, sondern völlig faktenrsistent nach willkürlichem Glauben und Bauchgefühl. Wenn wir in allen Fragen so irrational entscheiden würden, wäre vom Steuergeld bald nichts mehr übrig — ohne dass dabei der geringste Vorteil gewonnen wäre.

In Winterthur kommt noch dazu, dass der Vorstoss auf einer völlig falschen Ebene stattfindet: Der Vorstoss beauftragt den Stadtrat, dieser hat aber mit dem Kantonsspital nichts zu tun, das untersteht der kantonalen Regierung. Es handelt sich folglich bei diesem Vorstoss im besten Fall lediglich um eine sinnlose Beschäftigung der Stadtverwaltung, die nur Kosten produziert.

Wer sich also bemüht, seine Politik nach vernünftigen Masstäben zu richten und rational zu entscheiden, wer die Frauenrechte nicht mit den Füssen treten will, und wer Fundamentalisten und ihren Organisationen keine Plattform bieten will, der hört auf die vielen Stimmen der Vernunft und lehnt diesen Vorstoss ab.

Post By Marc Wäckerlin (162 Posts)

Gemeinderat der Piratenpartei in Winterthur seit 2010 Vorstand Piratenpartei Winterthur Vorstand Piratenpartei Zürich Präsident FreidenkerInnen Region Winterthur

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